Der erste ist immer der schönste: Der Berglauf von Madrid

Por algo hay que empezar. Mit irgendetwas muss man anfangen. Das war so um 1990 rum, der Spanisch-Lehrer war ein kleiner, dürrer Spanier mit runder Brille, er lächelte immer zu und obwohl er seit Jahrzehnten in Deutschland lebte, hatte er seinen spanischen Akzent nicht verloren. German Olarieta hat an allem Schuld. Daran, wie ich Spanien heute noch sehe, an meiner Sympathie, ja vielleicht sogar Liebe zu den meisten Dingen, die irgendwie mit Spanien zu tun haben. Zum Essen, zur Paella, zum spanischen Rotwein, zum café solo, der bitter sein muss wie das Land, zum café con leche, den ich ständig trinken könnte, zur Pause von der Arbeit, um die Arbeit zu beginnen, zum Lesen und zum Schreiben, sogar zur unerbittlichen Sonne im Sommer. Wer weiß, ob ich in Spanien leben würde, und ob ich so gerne hier leben würde, wäre mein Spanisch-Professor ein anderer gewesen. „Por algo hay que empezar“ war der erste Satz im Spanisch-Lehrbuch der Universität von Frankfurt. Natürlich hatte es Olarieta selbst herausgegeben, wie es spanische Hochschulprofessoren immer machten, um ihr Professorengehalt ein wenig aufzubessern.

Wo beginnt ein Marathon-Lauf? Und wo beginnt man einen Bericht über einen Marathonlauf? German Olarieta hat mich mit Spanien infiziert, auch mit der Faszination für Madrid. Er hat uns nie vom Marathon erzählt und er sah auch nicht so aus, als wäre er in seinem Leben auch nur einen Meter gejoggt. Trotzdem, ohne Olarieta stünde ich nun wohl nicht hier, mitten auf dem Paseo del Prado, in meiner Stadt, zugedröhnt von lauter Musik und Ermahnungen des besorgten Speakers, bloß genug zu trinken, aber vor allem mit ein wenig feuchten Augen. Endlich mein Madrid-Marathon, den viele immer noch nicht „Rock n’Roll-Madrid-Marathon“ nennen, sondern schlicht „Mapoma“, so wie er jahrzehntelang hieß, „Maratón Popular de Madrid.“

Der Countdown im Marathon dauert drei Jahre: 10 km, Halbmarathon, Marathon

Aber so weit muss man auch nicht ausholen. Erst vor zwei Jahren stand ich schon mal hier, auch am letzten Sonntag des Monats April, nur vier, fünf Kilo mehr am Körper. Denn hier sind auch die Läufer der 10km-Distanz am Start, wenn auch eine halbe Stunde früher. Es war mein allererster Wettbewerb, auch da stand schon Isabel am Zaun, machte Fotos. Ich war untrainiert, hatte keine Erfahrung, aber ich war sehr beeindruckt, hatte das Gefühl, auch als Anfänger hier irgendwie dazu zu gehören. Es folgten leider auch Muskelprobleme, ein Virus, der sich durch meinen Ischias-Nerv fraß und ich nicht wusste, ob ich überhaupt wieder laufen könnte. Im letzten Jahr dann ein paar Halbmarathons und jetzt stehe ich wieder hier. Marathon!

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Kommt eine Fahne geflogen – Fallschirmspringer vor Rathaus Cibeles

Am Himmel sind die obligatorischen Fallschirmspringer zu sehen, einer davon mit einer enormen Spanienfahne an den Beinen. Die Punktlandung auf dem Cibeles-Platz, an dem das imposante Rathaus steht, erfolgt. Es folgen die Starts der Eliteläufer, zuerst für den Halbmarathon, dann den Marathon, Männer und Frauen getrennt. Die Trennung der Hochleistungsathleten von den Volksäufern ist neu und hat für viel Polemik gesorgt. Die Trennung war notwendig geworden, weil man sonst irgendein Quality-Label nicht bekommen hätte, rechtfertigt sich die Rennleitung.

„Ich will jeden von Euch gesund wieder im Ziel sehen. Trinkt an jedem Verpflegungsstand“, appelliert der Sprecher immer wieder eindringlich an die Läufer. Ob das die Läufer aus dem Ausland auch verstehen?, frage ich mich. Durchsagen auf Englisch sind jedenfalls deutlich knapper. Die Musik ist laut, sie ist gut, Rock n‘ Roll Madrid!

Langsam setzen sich die rund 27.000 Läufer in Bewegung. Marathon- und Halbmarathonläufer starten zusammen, rund 15 Kilometer teilen sie sich die Strecke. Die 7.000 10-km-Läufer sind schon eine halbe Stunde früher gestartet. Es gibt keine Starts in unterschiedlichen Wellen, aber Startblocks. Die Einlasskontrolle ist lässig, so starten auch langsame Läufer im schnellen Block. Spanische Läufer kritisieren das seit Jahren.

Laute Musik, Knopfdruck auf die Uhr und ich bin in der Strecke. Der Paseo del Prado, Recoletos und die Castelllana, über die es am Anfang geht. Das ist die breiteste Avenida in der spanischen Hauptstadt. Trotzdem ist es ein wenig eng. Isabel steht schon auf den ersten Metern und schießt Fotos. Ich bin gut drauf, sie auch. Ein Blick auf die Uhr. Ich bin nicht ganz auf Kurs, 5:40 wäre meine Pace für sub 4, aber schneller geht es nicht, es sei denn, ich beginne im Zick-Zack die Leute zu überholen. Doch damit bin ich auf ähnlichem Kurs beim letzten Halbmarathon schon in die eigene Falle gelaufen. Da war ich am Ende zwar mit einer Pace von 5:10 unterwegs, aber auch fast einen Kilometer zu viel. Ich übe mich diesmal als in Geduld. Nach zehn Kilometern bin wieder im Soll.

Die Aufregung hält sich jetzt in Grenzen. Ich habe gut trainiert, auch die Trainingspause in den letzten fünf Tagen tat meinem Fuß gut. Der hat zuletzt doch stärker geschmerzt. Keine echte Fascitis, aber beim Auftreten war der Knöchel schon empfindlich. Heute habe ich keine Probleme. Der Himmel ist total blau, es ist aber kühl, wunderbares Läuferwetter. Am Bernabeu-Stadion vorbei. Na ja, ich mag Atlético lieber, da werden die Bayern in drei Tagen ihre Hölle erleben. Ich muss da schon vorher durch (durch die Hölle, nicht durchs Stadion).

Laufbericht statt Reiseführer

Ich habe mir vorgenommen, so weit es geht eine imaginäre Ideallinie zu verfolgen, doch auf dem breiten Boulevard und mit so einem dichten Läuferfeld ist das schwer. Für diesen Bericht habe ich mir übrigens auch vorgenommen, hier nichts von den architektonischen Wunderwerken Madrids zu erzählen. Dafür gibt es schon ein paar gute, touristische Laufberichte aus Madrid im Angebot. Hier geht’s um meinen Lauf und meine Empfindungen: Nach zehn Kilometern habe ich schon wieder einen halben km zu viel auf der Uhr. Na ja. Die erste Getränkestation. Ich habe die letzten Tage sehr viel getrunken, eigentlich keinen Durst. Trotzdem erinnere ich mich an die Aufrufe vor dem Start, bei jeder Station ein bisschen was zu trinken und befolge den Rat.

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Bei Kilometer 15 verausgabt sich der euphorische Debütant schon mal voreilig.

Dann geht es wieder zurück in Richtung Stadt, das Viertel Tetuán, Cuatro Caminos. Ein Arbeiterstadtteil. Die Madrider werden langsam wach, endlich auch ein paar Anwohner auf der Straße, viele davon Araber und Lateinamerikaner. Ein nettes Viertel, das zeigt, dass Multikulti weder unmöglich noch eine fröhliche Dauerparty ist. Deutsche gibt’s jetzt auch: Ein Läufer hat den Namen eines westfälischen Lauftreffs auf dem Shirt, wir unterhalten uns kurz. Er ist wegen des Fußballspiels der Bayern gegen Atlético gekommen und hatte Glück, noch einen Startplatz zu bekommen. Denn erstmals war auch der Marathon diesmal vergriffen. Es geht bergab, er läuft deutlich langsamer als ich. Ich überhole, warne noch vor den letzten sieben bis zehn Kilometern. Er lacht und weiß längst Bescheid.

Wer bin ich eigentlich, Veteranen Tipps zu geben? Es ist mein erster Marathon und in Madrid. Die von so vielen Ratgebern empfohlene Taktik, die erste Hälfte langsamer und dann schneller werden, funktioniert auf dem hügeligen Terrain nicht. Meine spanischen Freunde sagen mir alle, dass ich mindestens eine HM-Zeit von 1:56 vorlegen muss, wenn ich unter vier Stunden im Ziel ankommen will. So laufe ich auf dieser Strecke bergab eine Pace von deutlich unter 5 min. Es geht ja gleich wieder bergauf.

Ungefähr bei km 15 wird es plötzlich laut im Läuferfeld. Für die Halbmarathonläufer geht es gerade aus, wir biegen rechts ab. Man wünscht sich gegenseitig alles Gute, Hals- und Beinbruch, gesunde Knochen, was man halt so sagt, aber vor allem: Spanisch-Laut. Vor einem Jahr ging es für mich hier noch gerade aus. Ich sprach einem Ecuadorianer Mut zu, der den Marathon lief. Damals war ich schon ganz schön alle an dieser Stelle. Diesmal spüre ich das Training, habe Kraft, es läuft sehr gut. Als ich rechts abbiege, wird es mir schon ein wenig warm ums Herz. Das vermischt sich aber auch mit Ungewissheit. Jetzt ist alles neu. Im Training bin ich zwar schon bis 32 Kilometer gelaufen, aber jetzt ist es wirklich ein Marathon. Es ist ein bisschen wie ein Ritterschlag. Ich höre noch, wie die Menschen sich hinter mir verabschieden. Ich bin sehr bewegt. Mein Madrid!

Dann ein blöder Fehler. Ich bin so gedankenversunken, dass ich vergesse, mir am nächsten Stand eine Flasche Wasser mitzunehmen. Ich trinke aus einem Papbecher zwei Schlucke Isogetränk, das war’s. So bitte ich jetzt einen Spanier, der die Flasche mitgenommen hat, mir auszuhelfen. Die beiden sind sympathisch, wir tauschen uns aus. „Wenn nicht gegen uns gewinnst, bekommst Du einen Schluck“, sagt einer der beiden. Ich versichere, ganz bestimmt nach den beiden ins Ziel zu kommen. Sie haben mir eine Zielzeit von 3:50 angekündigt, das schaffe ich bestimmt nicht. Aber erst mal bin ich vor denen.

Glückshormone auf Prachtstraßen

Es geht jetzt runter bis auf die Gran Via, eine wunderbare alte Prachtstraße. Leider sind es nur ein paar Meter, es ist ein richtiges Ensemble historischer Gebäude der 20er und 30er Jahre Madrids. Es erinnert ein wenig an New York. Nachtschwärmer vermischen sich mit Frühaufstehern, ein wunderbarer Ort für Spaziergänge in der Nacht. Aber es es geht auch gleich rechts durch eine Fußgängerzone auf die Puerta del Sol. Da steht plötzlich wieder Isabel. Noch mehr Küsse, noch ein größeres Glücksgefühl. Mir geht’s gut.

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Puerta del Sol – Für das Gerücht, der Lauf in Madrid sei so hart, weil es an den Verpflegunggstände auch Sherry von Tio Pepe gebe, habe ich während meiner Rechrche leider keine Hinweise gefunden. (Foto: Rock’n’Roll-Madrid-Marathon)

An der berühmten Puerta del Sol, klassischer Versammlungsplatz, berühmt durch Sylvesterfeiern und die  Demonstrationen der sogenannten „Empörten“ wird es dann richtig laut. Menschenmassen feuern uns an, laute Musik ist zu hören, es ist wunderschön. Dann geht es wieder in eine kleine Gasse durch das alte “Madrid de los Austrias“, das Madrid der Habsburger also. Auch wenn von diesem Madrid eigentlich nicht mehr viel übrig ist. Der alte Königspalast ist einem Feuersturm 1734 zerstört worden, mit ihm tausende alter Kunstschätze. Wir laufen also jetzt an einem neuen Palast vorbei, der vier Jahre später von Phillip VI. in Auftrag gegeben wurde. Rechts das Opernhaus, da gucken wir am Mittwoch Parsifal. Wenn man schon mal in Madrid ist, empfehle ich einen Opernbesuch, aber besser nicht am Abend nach einem Marathonlauf. Die Sitzreihen sind auf den bezahlbaren Plätzen wirklich sehr eng.

Die Halbmarathonmarke überquere ich bei 1:55, also eine volle Minute unter dem, was mir eine marathonerfahrene spanische Freundin gesagt hat. Sie war jetzt schon zwei mal hintereinander Pacemakerin für die 3:59 und muss es eigentlich wissen. In diesem Jahr trägt sie aber den Ballon  – der in Madrid neuerdings eher eine Art Segel ist – für die 3:50 des Halbmarathons. Wenn sie sagt, 1:56 ist gut für 3:59 im Ziel, dann bin ich mit einer Minute weniger wirklich gut im Schnitt.

Es geht jetzt steil nach unten durch einen kleinen Park, in ein neues Wohngebiet, den Paseo del Florida. Hier ist nicht viel los, bis es in die Casa de Campo geht, den größten Innenstadtpark der spanischen Hauptstadt mit einem großen See und vor allem vielen Hügeln. Er ist auch ein typisches Läuferparadies. Am Wochenende ist hier unglaublich viel los, Volksläufer trainieren hier gemeinsam mit einem Teil der spanischen Elite. Das Olympiazentrum des spanischen Verbands ist ganz in der Nähe. Leider auch hier viel Asphalt. Ab km 25 beginnen mir die Füße stärker zu schmerzen, als sie sollten. Ich habe den Eindruck, gar keine Schuhsohle mehr unter den Füßen zu haben, es brennt bei jedem Tritt. Ok, vielleicht übertreibe ich, ich laufe ja noch. Aber ich werde langsamer. Ab diesem Park viel zu langsam. Außerdem wird es heiß. Die Sonne knallt runter. Ich ziehe mir das elastische Tuch, das ich bislang nur ums Handgelenk gewickelt hatte, über den Kopf. Jetzt bloß nicht noch eine Verbrennung oder einen Sonnenstich riskieren. Der Ausflug in den Park geht mir auf die Nerven. Aus Bildern und TV-Reportagen weiß ich, dass hier die Feuerwehr eigentlich mobile Sprühnebelstände aufstellt. Jetzt bräuchte ich einen, doch als ich endlich an einem vorbei komme, ist er abgestellt.

Höhenprofil
Höhenprofil des Madrid-Marathons: Zwei Anstiege von 100 Metern, der letzte kurz vor dem Ziel. Insgesamt geht es beim Madrider Berglauf nach Veranstalterangaben mehr als 401 Meter hoch und 377 bergab.

 

Klappt das gesteckete Ziel? Aktualisieren? Vergessen? Aussteigen?

Es geht aus dem Park raus. Mir wird so langsam klar, dass ich mein Ziel, unter vier Stunden zu bleiben, vergessen kann. Für mich geht es nur noch ums ankommen. Die Beine werden schwerer. Ich kann mich nicht mehr richtig aufrichten, laufe wie ein zusammengefallener Kartoffelsack mit Füßen. Es geht an meinem Stammsportgeschäft vorbei, „Marathinez“ nennen die sich, eine nette Vermischung aus dem Nachnamen Martínez mit dem Marthon. Sehr sympathische Leute, die viel von Schuhen und Muskulatur wissen. Na ja, wer ist schon nicht nett zu einem Paar, das sich da seit Jahren wenigstens einmal pro Jahr neue Schuhe kauft? Trotzdem: Lieber Fachgeschäft statt Internet.

Über die Brücke wieder über den kleinen Manzanares-Fluss, vorbei diesmal am richtigen Fußballlstadion, dem alten Vicente-Calderón, wo drei Tage später die Bayern gegen Atlético spielen werden. Das Stadion soll bald abgerissen werden, weit weg vor den Toren der Stadt entsteht eine neue 0815-Betonschüssel. Wie das wohl werden soll? Die Kinder hier im Viertel wachsen auf mit den „Atletí“-Rufen, an Spieltagen hängen die rot-weißen Fahnen zum Fenster raus, ein Malocher-Klub im Malocher-Viertel. Beide haben sich gegenseitig geprägt. Ob man das so einfach verpflanzen kann?

Ich erinnere mich daran, dass ab hier der berühmte Hammermann warten soll. Das schreiben viele spanische Läufer. Mir geht es so halbwegs. Mich überholen zwar Menschen mit den unmöglichsten Laufstilen, ich leide, aber ich weiß, es wird noch schlimmer kommen.

Die Hölle von Madrid

Denn richtig heftig wird es in Madrid ab km 32-33. Dann kommt der Aufstieg. Am Fluss waren wir am niedrigsten Punkt, jetzt geht es nur noch oben. Davor habe ich schon seit Wochen und Monaten große Angst. Ich bin geschlaucht. Na, das kann ja was werden. Ich werde langsam, aber überhole trotzdem viele Läufer, die begonnen haben, zu gehen. Oh Gott, es ist heiß, mir tun die Füße weh, und es geht wieder bergauf! Zum Glück gibt es in Madrid eine Truppe auf Inlineskatern, die ein Muskelspray und Vaseline mit sich führen. Man muss nur laut „reflex“ rufen, schon kommt eine. Die junge Dame sprüht mir meine Wade und meinen rechten hinteren Beuger ein, ich muss da gar nicht stehen bleiben. Eigentlich mag ich das nicht besonders, das Spray hat die Wirkung eines leichten Analgesikums, sagt der Hersteller. Einsprühen heilt also nicht, aber der Schmerz lässt nach. Das kann auch schwerwiegende Verletzungen zur Folge haben. Aber mein Beuger flattert jetzt nicht mehr.

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Ein Madrid-Marathon ist kein Kindergeburtstag – und noch weniger die letzten sieben Kilometer

Bei km 35 wieder ein Getränkestand. Ich habe schon meine drei Gels eingenommen, trinke jetzt nur noch Wasser. Schon ein paar Getränkestände davor habe ich begonnen, beim Trinken ein paar Schritte zu gehen und dann mir die halbe Wasserflasche über den Kopf zu schütten. Das mache ich auch jetzt. Fast wie eine Fatamorgana nehme ich da Isabel war. Sie hat sich ein Leihfahrrad genommen, um hierher zu kommen. Ich freue mich, weiß aber nicht, ob sie mir das ansieht. Viele Leute gehen, es ist einer der härtesten Abschnitte der ganzen Strecke. Ich gehe auf sie zu, gebe ihr einen Kuss und sage: „Das ist die Hölle!“.

Dann treffe ich plötzlich den sympathischen Wasserträger wieder. Er animiert seinen Freund, dem es noch schlechter zu gehen scheint. Er erkennt mich, „Mensch, der Deutsche. Erinnerst Du Dich an uns, Du wolltest Wasser. Willst Du Wasser, ich habe welches?“ Er ist wirklich nett, zuvorkommend. Ich glaube, er hat mir auch vorgeschlagen, mit ihm und seinem Freund ins Ziel zu laufen. Aber ich bin zu sehr mit mir selbst beschäftigt, als ihm zuzuhören. Ich bringe nichts anderes raus als Flüche: „Mir geht’s beschissen“, „eine Scheiße ist das“ und sicher noch andere Kraftausdrücke in wechselnden Sprachen. Ich frage mich, was der ganze Mist soll, 42,2 Kilometer durch die Stadt zu rennen wie ein Bekloppter. Ist doch total ungesund, 30 Kilometer reichen doch auch. Immer wieder kommt der Gedanke, aufzuhören. Aber irgendwie hilft mir sogar die Flucherei. Schritt für Schritt geht es weiter. „NUR NOCH SECHS KILOMETER, S E C H S, S E C H S!“ schreit mich einer von der Seite an. „Ich brülle zurück: Ja, unmöglich, Scheiße!“ Es tut mir wirklich leid, dort, wo sich die spanischen Läufer gegenseitig aufmuntern, teilweise schon in verzweifeltem Ton, müssen sie denken, ich verfluche sie. Entschuldigung!

Irgendwie kommen wir doch bei Atocha an, dem Fern- und S-Bahnhof, einer der Orte der schrecklichen Anschläge von 2004. Jetzt bilden Tausende ein etwa zwei Meter breites Spalier für uns, feuern uns von rechts und links an. Eine Trinkstation, ich esse  ein bisschen Banane, trinke und kippe mir wieder Wasser über den Kopf. Ein Fotograf macht Bilder, „ich musss ja klasse aussehen“, denke ich mir. Leider ist das Bild hinterher nirgends aufgetaucht.

Läuferhorror: Ziel vor Augen und doch noch nicht fertig

Besonders fies: Der Retiro-Park, also das Ziel, liegt nur ein paar hundert Meter rechts von uns. Aber wir müssen weiter geradeaus. An der Startlinie vorbei, die längst abgeräumt ist. Rechts der Kommunikationspalast, heute Rathaus. Blickt man von dort nach rechts, kann man die Puerta de Alcalá sehen, den Retiro. Aber ich blicke schon lange nicht mehr rechts und links, sondern nur auf den Boden. Ich laufe die grün bemalte Ideallinie ab, Schritt für Schritt. Nach dem Kolumbusplatz geht es endlich rechts hoch. Doch nein, dann geht es nicht gleich wieder rechts, zurück zum Retiro, sondern links, noch weiter weg! Ich schaue in die Ferne, wann biegt das Läuferfeld endlich rechts ab? Irgendwann geht es dann aber doch wieder rechts hoch. „Jetzt ist die Steigung zu Ende“, feuern die Erfahrenen an und ich denke, „ja, erzähl Du nur, hier geht’s doch ganz steil hoch.“ Rechts von mir greift sich ein Läufer an den Beuger und legt sich mit Klageschreien auf den Boden. Hoffentlich nur ein Krampf, kein Riss. Jemand kümmert sich um ihn, ich trabe weiter. Dann geht es wieder rechts und jetzt, tatsächlich, ein kleines bisschen runter. Da ganz hinten, ist er das? Ist das der Retiropark? Da muss er doch sein! Ich bremse mich, jetzt nicht zu schnell werden. Hebe Dir die letzte Kraft für den Zieleinlauf auf, denke ich mir.

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Ich weiß, es ist der falsche Arm. Bitte nicht politisch verstehen.

Aber es wird alles leichter. Doch dann scheinen ein auch bei mir ein paar Muskelfasern im rechten Bein Eigenleben zu entfalten. Ich bleibe stehen, versuche kurz zu dehnen. Dann weiter. Gut, es geht. Es geht immer besser. Rechtskurve, ich werde schneller, überhole. Linkskurve, rein in den Park. Es wird höllisch laut. Ich kann es kaum glauben. Mein erster Marathon! Nichts schmerzt mehr. Alle feuern uns an, rechts und links brüllen uns die Menschen auf den letzten Metern noch Kraft in die Knochen. Irgendwo muss Isabel sein. Es sind aber noch mindestens 600 Meter, denke ich mir.

„Hans, Hans, ánimo“ höre ich. Ich drehe mich um, David aus unserer Laufgruppe ist tatsächlich direkt von der Nachtschicht zum Retiro gekommen. Ich freue mich wahnsinnig. Vor mir rufen Läufer „Sí se puede“, sonst der Schlachtruf der neuen spanischen Linken. Im Grunde bin ich aus dem Alter der Identifikation mit politischen Projekten raus, aber es heißt ja auch „yes we can“ und ja, ich kann es. Sogar meine Faust (blöderweiße die rechte, siehe Foto) ist oben, auch ich rufe, ich fliege in Richtung Ziel. Nein, Isabel sehe ich nicht. Aber das macht nichts. Zielmatte übertreten, Uhr angehalten. Die Zeit ist mir scheißegal. Nein, ist sie nicht. 4:10:29, gar nicht so sehr viel langsamer als geplant. Mein erster Marathon, Mensch, bin ich glücklich!


Schneller als die U-Bahn

Nachtrag: Fünf Minuten später ein Anruf auf dem Handy. Isabel sagt mir, ich sei auf meinen letzten sieben Kilometern – die lahmsten des ganzen Laufs – doch tatsächlich schneller als sie in der U-Bahn gewesen. Damit fliegt die Metro von Madrid, behauptet die Werbung. Nächstes Jahr wieder!

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Finisher-Medaille an der Heldenbrust: Jukebox only with Rock’n’Roll

Zusammenfassend: Es ist sicher nicht so komfortabel wie in Berlin oder London. Die Messe ist vergleichsweise klein (trotzdem für mich eine gute Gelegenheit, micht mit meinen Stammgels einzudecken), aber der Umzug vom kleinen Messegelände am Park Caso de Campo zum größeren Gelände bei IFEMA hat die Warteschlangen verschwinden und in der spanischen Szene die Kritik an der Organisation praktisch verstummen lassen. Wer in Madrid vor dem Start seine Klamotten abgeben will, muss das im Ziel im Retiro machen. Der ist knapp 1.000 Meter vom Start entfernt. Es gibt keine Duschen. Aber es gibt im Notfall eine gute medizinische Versorgung (die in diesem Jahr einen Patienten reanimieren musste) und eine gute physiotherapeutische Behandlung nach dem Lauf, wer sie haben wil. Und man hat – zumindest bei gutem Wetter – mit dem Retiro-Park die beste Chill-Fläche, die man sich vorstellen kann. Überhaupt: Ich kann mir keinen schöneren Zieleinlauf vorstellen, als den im Retiro. Bei früher Anmeldung im Juli hat der Marathon diesmal 50 Euro gekostet. Dafür gibt es ein Laufshirt und eine sehr schöne Finisher-Medaille, diesmal im Stil einer Juke-Box. Da war mal mehr drin in der „bolsa del corredor“, ist aber für weniger Geld immer noch mehr als bei den großen Volksläufen in Deutschland, wo vielerorts das Shirt inzwischen dazugekauft werden muss – wenn man denn eins haben will. Hinterher gibt’s über die web eine gute Auswertung im 5km-Takt. Es ist kein Lauf für Bestmarken, selbst die Elite läuft hier so um die 02:10 auf dem 42,2 Kilometern. Dafür darf man hinterher ein wenig über die Bekannten lächeln, die mit ihren Bestzeiten prahlen, die sie auf den flachen Strecken wie in Berlin oder Valencia erzielt haben. Kindergeburtstag!

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Vom Himmel in die Hölle und zurück: Eindrücke am Abend nach dem Lauf.

 

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4 Gedanken zu “Der erste ist immer der schönste: Der Berglauf von Madrid

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